„Das mit den Stimmen ging tagein, tagaus“

8. Februar 2018 | Von

Weinheim. Ob er die Öffentlichkeit ausschließen lassen möchte, fragt die Vorsitzende Richterin am Landgericht Mannheim, Bettina Krenz, den jungen Mann auf der Anklagebank. „Nein, die Öffentlichkeit darf bleiben“, antwortet der 29-Jährige mit fester Stimme.

Am Mittwochvormittag eröffnete die 4. Große Strafkammer das Unterbringungsverfahren gegen den Mann aus Rippenweier, der am 25. Mai 2017 sein Haus angezündet haben soll. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Brandstiftung, gefährliche Körperverletzung und Sachbeschädigung vor. Allerdings, so betont Staatsanwalt Dr. Michael Hager bei der Anklageverlesung, leide der Beschuldigte unter einer paranoiden Schizophrenie und habe die Tat deshalb im Zustand der Schuldunfähigkeit begangen. Er soll deshalb dauerhaft in der Psychiatrie untergebracht werden. „Es ist davon auszugehen, dass er für die Allgemeinheit gefährlich ist und von ihm weitere rechtswidrige Taten zu erwarten sind“, so Dr. Hager.

Psychische Probleme

Am Tag der Tat, so berichtet der Beschuldigte, sei er in „keinem sehr guten Zustand“ gewesen. Seit seiner Jugend ist er Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Rippenweier. Am Morgen des 25. Mai 2017 habe er bei der traditionellen Vatertagswanderung der Feuerwehr mitgemacht. „Ich hatte Anfang des Jahres an einer Feuerwehrübung teilgenommen. Seitdem waren oft die Stimmen von Kameraden in meinem Kopf“, sagt er. „Ich habe sie damit konfrontiert und ihnen gesagt, dass mir das psychische Probleme macht. Aber die haben mich nicht verstanden und mir gesagt, ich soll nicht so viel trinken“, erzählt er. Als sich seine Sitznachbarin beim anschließenden Essen im Feuerwehrhaus weigert, ihre Sonnenbrille abzunehmen, drückt er eine brennende Zigarette auf ihrem Arm aus. Die Feuerwehrleute sind stinksauer, schicken ihn nach Hause. Der 29-Jährige kehrt zu seinem nur wenige Meter entfernten Wohnhaus, einem Fachwerk-Bauernhof, zurück. „Ich war verzweifelt. Das mit den Stimmen ging tagein, tagaus. Ich hatte schon Ärger mit er Polizei und ich war in der Psychiatrie – doch keiner konnte mir helfen“, sagt er. „Deshalb habe ich mir überlegt, nach China zu gehen, denn ich war mit 19 bei Shaolin-Mönchen. Die Idee, das Haus anzuzünden kam mir, damit ich nicht zurückkehren kann“, sagt er.

„Es ging sehr schnell“

Er packt einen Rucksack für seine „Reise“, zündet einen Weidenkorb an und legt ihn unter die Treppe des 300 Jahre alten Hauses. Beim Weggehen schaut er kurz zurück. „Die Flammen schlugen schon aus dem Dachstuhl, es ging sehr schnell“, berichtet er.

Anschließend sei er in den Nachbarort weitergewandert und habe dort bei einem früheren Lehrer unterkommen wollen. Was er zu diesem Zeitpunkt nicht weiß: Der Lehrer ist längst weggezogen. Als er klingelt, hört er wieder eine Stimme, diesmal die seines ehemaligen Lehrers. Diese habe hämisch gefragt: „Warum soll ich dir aufmachen?“ Als tatsächlich niemand öffnet, fühlt er sich vor den Kopf gestoßen und wirft mit Steinen die Fenster des Hauses ein. Schaden: 2000 Euro.

Anschließend läuft er weiter, isst zunächst in einem Gasthaus in Steinklingen und findet dann bei einem Freund Unterschlupf. „Ich bin auf dem Sofa eingeschlafen und dann war da die Polizei und hat mich abgeholt“, sagt er. Der Haftrichter ordnet schließlich die vorläufige Unterbringung in der Psychiatrie an. Seitdem ist der 29-Jährige im Psychiatrischen Zentrum Nordbaden (PZN) in Wiesloch in Haft.

Seinen Lebensweg beschreibt der junge Mann ruhig und detailliert. Nach einem guten 1,8-Abitur an einem Weinheimer Gymnasium studiert er in Heidelberg Lehramt. Doch er kifft viel, probiert Amphetamine und halluzinogene Pilze aus, fängt mit 20 Jahren an, alle vier bis acht Wochen LSD zu nehmen. „Ich war neugierig, wie das wirkt“, sagt er. In der Folgezeit leidet er immer häufiger an psychoseähnlichen Zuständen und hört Stimmen. 2012 wirft er das Studium schließlich hin, beginnt eine Ausbildung als Gärtner. Doch auch diese bricht er ab, wird 2013 zum ersten Mal in die Psychiatrie eingewiesen. Dort erhält er auch die Diagnose paranoide Schizophrenie. „Ich habe damals auch im nüchternen Zustand Stimmen gehört“, sagt er.

Im Verfahren wird deutlich: Solange er seine Medikamente nimmt, scheint alles gut. 2015 schließt er die Ausbildung ab, arbeitet anschließend als Gärtnergeselle bei einer Firma für Garten- und Landschaftsbau. Die Arbeit macht ihm Spaß. „Aber dann habe ich zusammen mit meiner Ärztin meine Tabletten abgesetzt. Ein halbes Jahr lief es dann gut, aber dann kam ich wieder oft zu spät“, erklärt er. Im August 2015 wird ihm deshalb gekündigt.

Vorübergehend lebt er in einem Wohnwagen – zunächst auf einem Campingplatz in Schriesheim, dann auf dem Grundstück seiner Großmutter, schließlich im Garten seiner Eltern. Die unterstützen ihn auch finanziell, zusätzlich hält er sich als selbstständiger Gärtner über Wasser. Leicht ist das allerdings nicht, denn er hat keinen Führerschein. Zwei Mal hatte ihn die Polizei betrunken am Steuer erwischt. „Ich habe deshalb vor allem Aufträge im Ort angenommen und bin mit meiner Schubkarre losgezogen“, sagt er.

Ende 2016 kauft er gemeinsam mit seinen Eltern ein Haus am Ortsrand von Rippenweier. 1000 Euro bekommt er monatlich von seinen Eltern, dafür soll er das Gebäude renovieren, in das er im Januar 2017 einzieht. 18 Jahre stand der alte Bauernhof leer, es gibt keinen Strom und kein fließendes Wasser. „Ich bin mit Regenwasser ausgekommen und habe mit Holz geheizt“, sagt er. Abends zündet er Kerzen an, spielt Gitarre, geht früh schlafen. Seine Eltern hätten sich Sorgen gemacht, denn gerade im Winter sei es sehr kalt gewesen.

Warum er so gehaust habe, will die Richterin wissen. „Nach der Sache mit meinem Führerschein hatte ich immer mehr wahnhafte Vorstellungen, dass der Staat was gegen mich hat. Deshalb wollte ich nicht, dass Strom und Wasser angeschlossen werden, das ist ja auch staatlich.“ Der junge Mann lebt einsam in dem alten Haus. Seine Familie kommt ihn zwar zwei bis drei Mal pro Woche besuchen, doch andere Kontakte hat er kaum noch.

Wie er sich seine Zukunft vorstellt, fragt Richterin Krenz. „Ich möchte wieder Arbeit finden und in meinem Beruf Fuß fassen“, sagt der 29-Jährige. Kontakt zu seiner alten Firma und auch zu seinem Ausbildungsbetrieb habe er noch, sagt er. vmr

Das Verfahren wird am 19. Februar um 9.30 Uhr am Landgericht Mannheim fortgesetzt.

Quelle: Weinheimer Nachrichten vom 08.02.2018