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„Die Trefferquote für E-Autos ist sehr gering“

12. August 2020 | Von

Weinheim. Unfall auf der Bundesautobahn 5 in Richtung Frankfurt – die Weinheimer Feuerwehr ist gefragt. Die Leitstelle meldet einen Crash, ein Elektroauto ist mit einem Lkw kollidiert und dann in die Leitplanke gekracht. Der Wagen ist stark beschädigt, am linken Kotflügel liegen die Hochspannungskabel frei, die den Strom vom Akku in den Motor bringen. Welche möglichen Gefahren gilt es zu beachten, wenn E-Autos in Unfälle verwickelt sind? Wie gehen die Einsatzkräfte vor, wenn die Lithium-Ionen-Akkus Feuer fangen? Darüber hat die WN-Redaktion mit Sven Lillig (Bild), Kommandant der Feuerwehr Weinheim, gesprochen. 

Wenn die Feuerwehr zu einem Verkehrsunfall gerufen wird, dann ist der Ablauf meistens klar: Die Leitstelle erkundigt sich in der Regel beim Anrufer nach den Nummernschildern der betroffenen Autos, die Aufschluss über den Fahrzeugtyp geben: „Wir bekommen dann ein Sicherheitsdatenblatt mit allen Informationen über das Fahrzeug, die beim Kraftfahrtbundesamt hinterlegt sind“, erklärt Lillig. Denn nicht alle E-Autos sind auch als solche über das Nummernschild mit einem „E“ gekennzeichnet. Die Sicherheitshinweise sind wichtig, um die Batterie abklemmen zu können und dadurch den Stromfluss zu unterbrechen. 

Intelligente Crash-Systeme 

Bis zu 400 Volt Spannung liegen auf den Kabeln, die bei einem Unfall beschädigt und zur potenziellen Gefahr für Insassen sowie die Rettungskräfte werden können. Um das zu verhindern, gibt es Crash-Systeme, die bei einem Defekt sofort die Stromzufuhr unterbinden. Kommt es also zu einem Unfall, wird die Batterie sofort von den Hochspannungskabeln und -Teilen getrennt. Dennoch gehen die Helfer an der Unfallstelle auf Nummer sicher und kappen die Verbindungen. Doch was passiert, wenn die Batterie vom Aufprall betroffen ist? Dann besteht akute Brandgefahr. 

Der Allgemeine Deutsche Automobilclub hat in seinen Tests festgestellt, dass E-Autos genauso sicher sind wie herkömmliche Fahrzeuge. Die Karosserien sind verstärkt, um die Akkus auch bei hoher Gewalteinwirkung zu schützen – daher auch das in der Regel höhere Gewicht im Vergleich zum Verbrenner ähnlicher Fahrzeugklasse. Sollte es dennoch zu einem Brand kommen, sei der nicht gefährlicher als ein in Flammen stehender Benziner oder Diesel, sagt der Weinheimer Feuerwehrkommandant, Gefahrenquellen wie Treibstoffverpuffungen gibt es beim Elektroantrieb nicht. 

„Wenn so ein Akku mal beschädigt ist, kann der zu brennen beginnen. Das können wir nur unter Kontrolle bringen, indem wir einen Kühleffekt herbeiführen“, erklärt Lillig. Dafür verwenden die Einsatzkräfte Wasser. Schaum oder Pulver eignen sich nicht. Problematisch sei, dass die Akkus am Boden des Fahrzeugs untergebracht sind – jedoch muss genau hier die Kühlung wirken. Steht das Fahrzeug auf allen vier Reifen, ist der Brandherd nur schwer zu erreichen. „Das ist, als würde man bei einem herkömmlichen Brand im Motorraum Wasser auf die verschlossene Motorhaube geben. Das brennt dann immer weiter“, erklärt Lillig. Erst, wenn sich das Feuer durch Metall und Kunststoff gebrannt habe, ist der Zugang frei. 

Spezielle Lösch-Container 

Ist der Brand schließlich unter Kontrolle, bleibt die Gefahr aber nicht gebannt: Die Akkus können sich, sofern sie nicht komplett heruntergekühlt wurden, erneut entzünden. Einige Feuerwehren haben sich speziell dafür Container zugelegt, in denen die Wracks komplett im Wasser versenkt werden können. „Wir haben auch einen Container, den wir dafür nutzen könnten, wenn wir ihn mit einer Plane oder mit Baustoffen abdichten. Man muss als Feuerwehr aber auch nicht alles machen“, sagt Lillig und verweist auf die Unfallstatistik. Im vergangenen Jahr seien die Weinheimer Einsatzkräfte zu 15 Pkw-Bränden gerufen worden, etwa 7 davon seien ein Vollbrand gewesen. „Unsere Trefferquote für E-Autos ist da also sehr gering. Wir sind dennoch an diesem Thema dran und kooperieren dafür gegebenenfalls mit der Werkfeuerwehr der Firma Freudenberg“, ergänzt der Kommandant. Auch die deutschlandweite Statistik, die Lillig vorlegt, unterstreicht das: 2018 gab es 40 000 Fahrzeugbrände, bei denen die Feuerwehr tätig werden musste. Da Elektroautos lediglich 0,2 Prozent aller in Deutschland derzeit zugelassenen Pkw ausmachen (47 Millionen Pkw, davon 83 000 E-Autos), sind das rund 50 Brände pro Jahr. 

Immer mehr E-Autos unterwegs 

Attraktive Kaufprämien vom Bund, die den Verbrauchern einen E-Wagen schmackhaft machen sollen, kurbeln das Geschäft an. Noch sind elektrische Autos eine Minderheit. Dass sich das Kräfteverhältnis in den nächsten Jahren aber verändern könnte, zeigt ein Blick auf die Zahlen der Region. Im Kreis Bergstraße sind derzeit rund 259 000 Autos angemeldet, 802 davon als Elektrofahrzeuge. Derzeit geht der Trend nach oben: Innerhalb der vergangenen zwölf Monaten wurden insgesamt 13 900 Fahrzeuge neu zugelassen, davon 441 als reine Elektrofahrzeuge. 

Auch im Rhein-Neckar-Kreis werden mehr E-Fahrzeuge angemeldet: Von insgesamt derzeit 400 000 registrierten Autos sind 1900 reine Elektrofahrzeuge. Von Anfang des Jahres bis zum 1. August meldet das Landratsamt 515 Neuzulassungen von rein elektronisch angetriebenen Pkw. Zum Vergleich: 260 000 Benziner, 134 000 Autos mit Dieselmotor und 380 Erdgasautos stehen dem gegenüber. 

Quelle: Weinheimer Nachrichten vom 12.08.2020/ Paul Pflästerer