Unwetter: „Unglaubliche Wassermassen“

13. Juni 2018 | Von

Hemsbach/Weinheim. Wasser, Wasser, Wasser. Über 40 Liter pro Quadratmeter – es waren unglaubliche Regenmengen, die am späten Montagnachmittag vom Himmel kamen. Diesmal traf es vor allem Hemsbach mit voller Wucht. Der Schwerpunkt lag dabei im Westen der Stadt. Ganze Straßenzüge waren betroffen, die Feuerwehren extrem gefordert. Knapp 200 Einsätze gab es allein in der Bergstraßengemeinde. 162 Mann arbeiteten einen nach dem anderen ab. Stundenlang. Zahllose Keller standen unter Wasser, weil die Kanalisation die Regenmengen nicht mehr fassen konnte. „Das waren unglaubliche Wassermassen. Das gab es zuletzt 1970 beim Pfingsthochwasser“, sagt der Hemsbacher Feuerwehrkommandant Joachim Steilen am Dienstagmorgen. Auch das weiß er aber nur aus Erzählungen. „Damals lag ich noch im Kinderwagen“, sagt er schmunzelnd.

Und das Wasser kam nicht nur von unten. Das Flachdach eines Mehrfamilienhauses hielt den Regenmengen nicht mehr stand und setzte mehrere Wohnungen unter Wasser. Die Wehrleute aus Hemsbach hätten das alles allein gar nicht mehr geschafft. Bis nach Mitternacht hatten sie alle Hände voll zu tun, insgesamt fast acht Stunden lang.

Mann durch Stromschlag verletzt

Dramatische Szenen spielten sich in einem vollgelaufenen Keller ab, als ein Mann von einem Stromschlag verletzt wurde. „Wir haben den Mann dann an den Rettungsdienst übergeben, er war zu diesem Zeitpunkt aber ansprechbar und wir hoffen, dass das glimpflich ausgegangen ist“, erzählt Steilen und warnt in diesem Zusammenhang intensiv vor der Gefahr, die von Steckdosen ausgehen kann, die von Wasser umspült werden. „Wenn ein Keller unter Wasser steht, sollte unbedingt der Strom abgestellt werden, bevor man da runter geht“, sagt er ernst. Steilen weiß aber auch, dass das nicht immer möglich ist. Oft befindet sich der Stromkasten schließlich im Keller.

Ganz überrascht hat das Unwetter die Feuerwehren aber nicht. „Es war absehbar“, erzählt David Kunerth, Feuerwehr Weinheim. „Wir haben schon den ganzen Tag über Meldungen von der Unwetterzentrale bekommen. Parallel dazu haben wir das Regenradar beobachtet. Kurz bevor es los ging, waren wir dann schon im violetten Bereich, das ist die höchste Unwetterwarnstufe. Normalerweise bleiben wir immer verschont, die Unwetter treffen eher Mannheim oder Viernheim.“ Diesmal nicht. Weinheim kam dabei glimpflich davon. Zum Glück, denn so konnten die Wehrleute von dort mit sieben Fahrzeugen nach Hemsbach ausrücken und ihre Kollengen unterstützen. Dabei waren sie nicht die Einzigen.

Feuerwehren aus Hirschberg, Schriesheim, Heddesheim, Dossenheim, Ilvesheim, Edingen-Neckarhausen und Ladenburg rückten an. Mit insgesamt 127 Mann und 30 Fahrzeugen. Sie konnten gegen halb zwölf in der Nacht nach und nach wieder abrücken.

Trotzdem gab es auch in Weinheim alle Hände voll zu tun. In Sulzbach, Lützelsachsen und Hohensachsen und in der Kernstadt liefen insgesamt 16 Keller voll und mussten mit Wassersaugern und Tauchpumpen von den Wassermassen befreit werden. Auch in einem Getränkemarkt in der Gewerbestraße stand das Wasser. Auf der Kreisstraße 4133 blockierte ein Baum die Fahrbahn und musste durch die Feuerwehr zur Seite geräumt werden. Durch den Wind wurden auch einige Bauzäune an Baustellen auf mehreren hundert Metern umgeworfen und wurden durch die Einsatzkräfte wieder aufgerichtet und gesichert.

Viel Lob für die Feuerwehren gab es in den Sozialen Netzwerken. „Sie sind immer noch im Einsatz. Und man sieht, dass die Kräfte schwinden. Respekt an euch alle und danke für euren Einsatz.“, schrieb Steffi S. auf die Facebook-Seite der Feuerwehr Hemsbach und damit war sie nicht allein. Dutzende von Menschen zollten den Eisatzkräften ihren Respekt.

Das tat auch Bürgermeister Jürgen Kirchner am Dienstagmorgen. „Ich bin den Einsatzkräften sehr dankbar für ihr großes Engagement“, sagte er auf Nachfrage der Redaktion. Voll des Lobes war er für all jene, die sich gegenseitig unterstützt hatten. „Diese Nachbarschaftshilfe, die war gestern überall spürbar. Wenn Not am Mann, ist dann greift man sich gegenseitig unter die Arme. So muss das auch sein“, sagte Kirchner. Er hoffte auch, dass sich die Schäden durch das Unwetter insgesamt im Rahmen halten.

Viel Lob, aber auch Beschwerden

Also rundum Lob für alle Beteiligten? Leider nein. Der Bürgermeister erzählte auch, dass er am frühen Dienstagmorgen schon einige E-Mails bekommen hatte, in denen sich Bürger massiv beschwert haben, weil sie nicht schnell genug Hilfe bekommen hätten.„Es wurde kritisiert, warum nicht noch mehr Feuerwehren angefordert worden seien“, erklärte Kirchner. „Dabei waren doch schon alle da“, sagte er seufzend. „Mehr ging einfach nicht und bei so vielen Eisätzen kann die Feuerwehr eben nicht überall gleichzeitig sein“.

Auch David Kunerth bestätigt, dass es immer mal wieder Beschwerden gebe. „Bei solchen Großeinsätzen müssen wir differenzieren. Wir arbeiten über Stunden die Einsätze ab und wenn in einem Keller nur zwei Zentimeter Wasser stehen, dann müssen die Leute vielleicht auch mal selber mit dem Lappen ran.

Dafür haben nicht immer alle Bürger Verständnis, aber das sind trotzdem Ausnahmen“, sagt Kunerth. „Die meisten Menschen sind einfach nur dankbar, wenn wir helfen kommen.“ shy

Quelle: Weinheimer Nachrichten vom 12.06.2018