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Sirenen gewinnen an Bedeutung

10. September 2020 | Von

Weinheim. Wie ein riesiger grauer Pilz entwächst die Sirene dem roten Ziegeldach. Ihr Hut aus Kunststoff thront auf einem schmalen Stiel. Auf der Oberfläche wuchern fahle Flechten. Dass das Gerät in die Jahre gekommen ist, sieht man ihm schon vom Boden aus an. Vor knapp 60 Jahren wurde die Sirene installiert – ein Relikt aus dem Kalten Krieg. Doch auch ohne Kampfhandlungen könnte sie schnell wieder wichtig werden und mit ihrem durchdringenden Signal Leben retten.

Erster bundesweiter Warntag

Zum ersten Mal seit der Wiedervereinigung findet am heutigen Donnerstag der bundesweite Warntag statt. Um Punkt elf Uhr werden Sirenen heulen, Warn-Apps piepen und Radiosender ihr Programm unterbrechen. Der Bund will so auf das Thema Warnung aufmerksam machen und die Bevölkerung dafür sensibilisieren, was im Katastrophenfall zu tun ist. Auch die Weinheimer Feuerwehr beteiligt sich an der Aktion und führt zusammen mit der Feuerwehr Hemsbach eine Sirenenprobe durch.

Sirenen sind eine Besonderheit

Gut eine Woche vor dem Testlauf steht Ralf Mittelbach in der Weidsiedlung westlich der Autobahn: Feuerwehruniform, verschmitztes Grinsen. Er besteigt die Plattform der Feuerwehrleiter, die ihn zu der eingangs beschriebenen Sirene hochfahren wird. Vom Dach des alten Feuerwehrhauses ragt sie in den wolkigen Himmel. „Dass es in Weinheim Sirenen gibt, ist in der Gegend eine Besonderheit“, erklärt der stellvertretende Kommandant der Weinheimer Feuerwehr. Im Zuge des Kalten Kriegs wurden in den 60er-Jahren im ganzen Land Sirenen installiert. Viele Nachbargemeinden, etwa Hirschberg, schafften sie in den 90er-Jahren wieder ab. Der Weinheimer Gemeinderat entschied sich jedoch, die Anlagen weiter zu betreiben. Aus Mittelbachs Sicht war das die richtige Entscheidung. Andere Kommunen würden mittlerweile wieder aufrüsten. „Die Sirenen gewinnen wieder an Bedeutung“, sagt er.

„Mehr Sirenen wären nötig“

28 Sirenen gibt es im Stadtgebiet und in den Ortsteilen. Die meisten befinden sich auf öffentlichen Gebäuden, zum Beispiel auf der Stadthalle und der Friedrich-Realschule; einige stehen auf Privatgelände. Einmal im Jahr werden sie gewartet, von Vogelnestern und Gestrüpp befreit. Neue Standorte seien seit dem Kalten Krieg nicht dazugekommen, berichtet Mittelbach: „Dabei wäre das dringend nötig.“ Bei Tests habe sich gezeigt, dass das Warnsignal nicht überall deutlich zu hören sei. Durch die Wände und Fenster gut isolierter Neubauten oder sanierter Häuser dringe der Ton nicht durch. Zwar gebe es gut funktionierende Warn-Apps, das Internet und klassische Medien wie das Radio. „Wir müssen aber sicherstellen, dass wir auch diejenigen erreichen, die nicht über diese Technik verfügen. Sirenenwarnungen sind auch in der hoch technisierten Zeit nicht überflüssig“, findet der Feuerwehrmann. Wie viele Anlagen man an welchen Stellen bräuchte, lässt die Stadt aktuell ermitteln. Mittelbach rechnet im Herbst mit dem Ergebnis. Schon jetzt ist eine Sirene in der Lützelsachsener Ebene geplant.

Doch wie oft werden die Sirenen eigentlich gebraucht? Mittelbach ist seit rund 20 Jahren in der Feuerwehr aktiv. In dieser Zeit kamen die Anlagen nicht zum Einsatz – zumindest nicht, um die Bevölkerung zu warnen. Zweimal im Jahr werden sie getestet: ein Mal im Rahmen der Jahresübung der Hemsbacher Wehr im Frühjahr, ein zweites Mal im Herbst. Auf die Übung im Frühjahr haben die Feuerwehrleute in diesem Jahr verzichtet. Man habe die Bevölkerung mit Blick auf die Corona-Krise nicht zusätzlich verunsichern wollen. Viele Menschen würden sich von den Sirenenproben gestört fühlen, hat Mittelbach in den vergangenen Jahren festgestellt.

„Bin ich vorbereitet?“

Dabei geht es ihm bei dem Test ausdrücklich nicht nur darum, die Technik zu überprüfen. Der Warnton soll bei den Bürgerinnen und Bürgern auch die Frage auslösen: „Bin ich auf einen Katastrophenfall vorbereitet?“ Seit Jahren beobachtet Mittelbach, dass viele nicht wissen, was im Notfall zu tun ist – oder sich nicht trauen anzupacken. „Weil wir, Gott sei Dank, von Naturkatastrophen und Kriegen verschont geblieben sind, haben wir verlernt, uns selbst zu helfen“, glaubt er. Katastrophenpläne wie der Ratgeber des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe seien jahrelang belächelt worden. Die Corona-Krise habe gezeigt, dass sie durchaus relevant sind.

Bedeutung der Töne zweitrangig

Wofür die verschiedenen Signaltöne stehen, findet Mittelbach indessen gar nicht so wichtig: „Ich habe mir abgewöhnt, das zu erklären. Vor allem sollte klar sein: Das ist ein Warnton.“ Der soll signalisieren: Türen und Fenster schließen, Radio einschalten, in Warn-Apps oder im Internet schauen, was in der Region passiert. Das könnte ein Großbrand sein oder ein schweres Unwetter, sagt Mittelbach. Die Integrierte Leitstelle des Rhein-Neckar-Kreises in Ladenburg würde dann die Sirenen auslösen. Noch könnte die Weinheimer Feuerwehr das selbst übernehmen. Bald soll die Bedienung der Sirenen allerdings von analog auf digital umgestellt werden. Dann hat nur noch die Leitstelle Zugriff. Übrigens muss der Alarmton nicht immer bedeuten, dass für die Bevölkerung Gefahr besteht. In Ausnahmefällen nutzt die Feuerwehr die Sirenen, um mehr Personal anzufordern.

„Wie eine Art Joker“

Ralf Mittelbach hofft, dass der Warntag die Bevölkerung für das Thema Katastrophenschutz sensibilisieren kann. „Wir werden auch weiterhin Ereignisse erleben, die wir nicht für möglich gehalten hätten“, ist er sicher. Dass die Menschen wieder mehr Verantwortung für sich selbst übernehmen und einander unterstützen – wenn der heutige Probealarm das erreichen würde, wäre er für Mittelbach ein Erfolg. „Wir müssen wieder mehr füreinander einstehen.“

Um die Bevölkerung im Notfall zu erreichen, bleiben die Sirenen für ihn die letzte Wahl. „Sie sind wie eine Art Joker“, beschreibt Mittelbach: Man zückt ihn selten, damit er nicht an Wirksamkeit einbüßt. Am besten wäre es freilich, man müsste gar nicht auf ihn zurückgreifen. Doch für den Fall der Fälle will Mittelbach gerüstet sein – und wünscht sich, dass auch alle anderen ihren Teil zum Katastrophenschutz beitragen.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe stellt den „Ratgeber für Notfallvorsorge und richtiges Handeln in Notsituationen“ online zur Verfügung. Der QR-Code führt zum PDF.

Quelle: Weinheimer Nachrichten vom 10.09.2020